Evangelisch
in Unterbarmen

Gemeinsam. Glauben. Leben.

In vielen ­Ländern und Sprachen zu Hause

Interview mit Thomas Fuchs, pastor emeritus

Eva von Winterfeld: Thomas, wie bist Du eigentlich „zu Kirchens“ gekommen?

Thomas Fuchs: Als Kleinkind habe ich in einem Elternhaus des Mittelstands laufen gelernt und bin dann für die Volksschulzeit zu den Großeltern und dem Patenonkel in einen Weiler im Hinter-Oberbergischen verpflanzt worden. Wir Kinder aus drei Häusern hatten alle dieselben Urgroßeltern gehabt. Der Wechsel in die bescheidene ländliche Umgebung hat mir – außer manchmal Heimweh – nichts ausgemacht, wir waren alle gleich. Vor allem durch die immer interessante Sonntagschule im nächst größeren Dorf bekam ich eine religiöse Prägung im gesellschaftlichen Rahmen.

EvW: Wie ging es für Dich dann weiter? Nach der Volksschule muss doch das Gymnasium gekommen sein?!

ThF: Ja, aber nun wieder bei meinen Eltern in Düsseldorf. Hatte ich zuvor mit 3 km den längsten Schulweg von allen, kam nun der Ausgleich – nur über die Straße! Eine Sprachenwahl gab es zunächst nicht; man musste mit Latein anfangen und in der Quarta (7. Kl.) kam Englisch hinzu. Kurz darauf begann ich, auf eigene Faust zu reisen und Sprachen anzuwenden – England, Spanien.

EvW: Irgendwann musst Du Dich doch für Theologie entschieden haben. Wie verlief das?

ThF: Na ja, ich war über die evangelische Jugendarbeit sehr in Kirche eingebunden – evangelische Schülerarbeit (ein „Männerverein“, den wir vergeblich versuchten, für Mädchen zu öffnen!), Jugend-Cabaret, Kindergottesdienst-Helferkreis. Den Kirchlichen Unterricht fand ich zumeist langweilig, ich wurde am Ende aber mit meinem selbstgewählten(!) Konfi-Spruch eingesegnet; auf dem Abschlussfoto findet sich auch meine spätere Ehefrau Christiane. – Ja, Theologie studieren und Pfarrer werden, aber bitte nicht mit so einem Pfarrherrengehabe wie unser Konfirmator – den wir ja ansonsten auch wieder ganz patent fanden.

EvW: Wo hast Du studiert?

ThF: Begonnen habe ich in Wuppertal, Anfahrt auf der Rheinischen Strecke, wo heute die Trasse verläuft. Den Hebräisch-Unterricht habe ich öfters geschwänzt, dennoch war das Ergebnis unüberbietbar, da ich zwei Drittel schon am Gymnasium hatte, und Latein und Griechisch sowieso. Nach zwei Semestern zog ich ins damals revolutionäre Heidelberg (1968!) und dann für die letzten Semester nach Münster in Westfalen. Dort machte ich als Rheinländer mein Vikariat mit Sonderauftrag für die Beratung und Begleitung von „Gastarbeitern“. Da kamen mir meine inzwischen guten Kenntnisse in Spanisch und Italienisch zugute.

EvW: Hast Du das alles in der Schule gelernt?

ThF: Nein, aus Interesse und für die Kommunikation auf Reisen habe ich mir das mit Micro-Kassetten und Büchern selber angeeignet, in Heidelberg und Münster aber auch Uni-Kurse besucht.

EvW: Und dann in die erste Pfarrstelle?

ThF: Erst ein Studienjahr in Rom bei den Waldensern, der reformiert geprägten evangelischen Kirche in Italien. Dort ergaben sich gelegentliche Predigtvertretungen und dann drei Monate Vakanzvertretung in der deutsch-lutherischen Gemeinde.

EvW: Seit 36 Jahren lebst Du mit Deiner Frau in Wuppertal. Wie kam es zu dieser Wahl?

ThF: Moment, nicht so schnell! Die Auswahl war 1976 außerhalb einer Jahrgangsgruppe nicht riesig – Rheinhausen oder Dorfpfarrer am Niederrhein! Es wurde der Niederrhein, Kirchenkreis Wesel, wo ich kurz nach Beginn im Juni 1976 zum „Dienst am Wort“ ordiniert wurde. Hier wurde auch unsere älteste Tochter geboren. Der allsonntägliche Predigtdienst war schon mal erschöpfend. Aber dann war da auch die Jugendarbeit mit Bildungsanspruch – ich bin halt so „geboren“ –, Kindergottesdienst mit einem sehr bald festen Kreis von mitarbeitenden Jugendlichen, theologische Abende für Erwachsene, Jugendreisen nach Schottland und Italien. Nach 7 Jahren zog es uns dann nach Edinburgh in Schottland, das wir 10 Jahre zuvor auf der Studienreise meines Vikariatskurses kennengelernt hatten. Der Dienst war mit den vielen Fahrten in die anderen deutschsprachigen Gemeinden Schottlands und nach London (Synodalrat = KSV) immer wieder herausfordernd. Aber ich habe unglaublich viele ökumenische und private Kontakte bekommen. Unsere beiden jüngeren Kinder wurden übrigens dort geboren. Nach 7 Jahren war der Vertrag zu ende, aber Arbeitssuche in Deutschland war schwierig: Die Kirchenleitung suchte Personal, um schwierige Stellen zu besetzen und hat nicht nach besonderen Fähigkeiten von Rückkehrenden aus dem Auslandsdienst gefragt.

EvW: Wie ist es denn dann Unterbarmen geworden?

ThF: Na ja, zwei mir empfohlene Gemeinden haben sich mir gegenüber ziemlich „schräg“ und unprofessionell verhalten, aber die dritte Gemeinde hat mich nach dem Probe-Gottesdienst nach meiner Arbeit in Schottland bzw. Großbritannien „gelöchert“. Da fühlte ich mich sehr ernst genommen.

EvW: Das war dann wohl Unterbarmen West! Wie gestaltete sich die Arbeit dort?

ThF: Erst einmal nicht so einfach. Die angebliche Liebe zum „abgewanderten“ Vorgänger fühlten wir uns übergestülpt und fühlten die Erwartungen an uns, also an meine Frau und mich, am Vorgänger gemessen. Wir sind dann aber offensichtlich (!) geblieben. Schwerpunkte waren die schon zuvor gefeierten Familiengottesdienste (immer mit Mittagessen!), die Hausbesuche, die monatlichen Kinderbibelnachmittage, die von Christiane und ihrem Team verantwortet wurden, die Bildungsreisen mit kirchlichen bzw. religiösen Bezügen (zumeist Europa). Nach einigen Jahren kam die Idee für eine Stiftung, für die ich von außerhalb sehr belächelt wurde. Bald schon hat das Presbyterium diese Stiftung in die Selbständigkeit als „Stiftung Netzwerk Unterbarmen“ umgewandelt, um sie bei der anstehenden Gemeindefusion vor der Auflösung zu bewahren. Aber ich kann hier nicht alles aufzählen.  Kreiskirchlich habe ich mich in Wuppertal vor allem für den christlich-islamischen Austausch engagiert, da ich mich schon seit Teenager-Tagen mit dem Islam und der arabischen Sprache beschäftigt hatte.

EvW: Seit 18 Jahren bist Du nun im Ruhestand, bist Pastor Emeritus, wie auf Deiner Visitenkarte steht. Wie wurden diese Jahre gefüllt?

ThF: Sofort erst einmal 3 Monate Auszeit auf der von uns zuvor oft besuchten Hebrideninsel Iona, wo wir als Freiwillige im wöchentlichen Gästebetrieb der Iona Community gearbeitet haben. Und dann kam durch einen meiner Unterbarmer Vorgänger der „Ruf“ nach Turin, um die dortige Keimzelle einer -gemischtsprachigen Gemeinde aufzubauen und fit zu machen für die Aufnahme in die Evangelisch-lutherische Kirche Italiens (ELKI/CELI). Ich war der dritte Emeritus und habe den Gründungsprozess der „offiziellen“ Gemeinde Turin anderthalb Jahre mit vorbereitet. Das war zum ersten Mal ein Dienst ohne meine Christiane, die ansonsten meine Gemeindearbeit nicht nur begleitet, sondern immer wieder entscheidend mitgeprägt hat!!! Aus dem dortigen evangelischen Umfeld kam die Anfrage, drei Montae eine „Lücke“ in der englischsprachigen Gemeinde Turins zu füllen. Danach habe ich endlich die 50 Jahre alte Sehnsucht erfüllt und bin alleine und zu Fuß von Wuppertal nach Santiago de Compostela aufgebrochen, wo ich ja 1964 (mit 17 Jahren!) schon per Autostopp hingefahren war. Und seit Beginn der „Flüchtlingswelle“ bin ich mitverantwortlich in unserem wöchentlichen Sprachcafé für Zugewanderte (Geflüchtete und andere), das sehr herausfordernd ist. So bietet das Leben immer etwas Neues.

EvW: Wie ist dort Dein sprachlicher Zugang?

ThF: Na ja, es geht ja hauptsächlich um die Festigung der deutschen Sprache, und die ist schwer genug zu vermitteln in Aussprache, Rechtschreibung und Wortschatz.

EvW: Wie viele Sprachen sprichst Du eigentlich?

ThF: Ich zähle das nicht, aber ich kann mich in allen Sprachen Westeuropas (ohne Skandinavien) sehr gut verständigen. Die größte Herausforderung war eine Trauung in Turin, die ich in vier Sprachen mit der Festgemeinde gefeiert habe, um wirklich die aus allen Ecken der Welt angereisten Gäste mitzunehmen.

EvW: Ich danke Dir für das Gespräch und den Einblick in Dein Leben. Es ist schön, Dich als „Weltreisenden“ hier in unserer Mitte zu haben.