Evangelisch
in Unterbarmen

Gemeinsam. Glauben. Leben.

Begeisterung für das Ehrenamt

Interview mit der Vorsitzenden des Presbyteriums, Birgit Hilgenberg

Thomas Fuchs: Liebe Birgit! Wir kennen uns seit 35 Jahren, denn bei meiner Bewerbung für das ehemalige Unterbarmen West hast Du mich mit „gegrillt“. Du warst aber länger Kindergartenleiterin in der Pauluskirchstraße als ich Pfarrer der Gemeinde (bis 2008). Kannst Du einen kurzen Rückblick auf Deine Jahre dort geben?‘

Birgit Hilgenberg: Kurz fällt mir immer schwer – aber ich versuche es: Nachdem ich 1982 seitens des Presbyteriums Unterbarmen West als zu jung für die Leitungsaufgabe in der Kita befunden wurde, bat man mich 1987 dann doch, von damals Laaken – Blombacher Bach nach Unterbarmen zu wechseln. Das hat mich schon aufgrund der so unterschiedlich bunten Gesellschaft hier in Unterbarmen sehr gereizt – genauso wie die Begleitung der Kinder und Eltern in ihren so verschiedenen, oft belastenden und herausfordernden Lebenssituationen! Sehr schnell habe ich dort erlebt, dass die Gemeinde großes Interesse an der Kita-Arbeit hatte. So gab es stets regelmäßige Besprechungen zu gemeinsamen Veranstaltungen, Festen, Ausflügen, Renovierungs- und Gartenarbeiten und natürlich Gottesdiensten (Familiengottesdienste zu Karneval, zur Einschulung, zu Erntedank und Advent). Wir waren eine 3-gruppige Ganztagseinrichtung und haben immer sehr davon profitiert, dass das Presbyterium den Kindergarten als „seine“ Einrichtung gesehen und sich entsprechend auch dort eingebracht hat. Mitglieder des Presbyteriums und Pfarrer waren damals tatsächlich ansprechbar und einsatzbereit, wenn es um Fragen der Krankheitsvertretung des Personals oder eine Notversorgung von einigen Kindern anlässlich des Mitarbeiterausfluges ging. Das ist heute völlig undenkbar! Mit den veränderten gesetzlichen Vorgaben und schließlich der Überstellung der KiTa an nacheinander drei Verbände, zuletzt an die Diakonie Wuppertal (EKiTa), sind die persönlichen Bezüge mehr und mehr in den Hintergrund gerückt – geblieben aber ist der monatliche Gottesdienst der Kitakinder, den wir immer sehr gerne mitvorbereitet und gefeiert haben. Wir waren ein tolles Team (auch mit Dir und später Pfarrer Frickenschmidt in der gemeindlichen Betreuung).

Thomas Fuchs: Ja, wir haben viele Kindergartengottesdienste miteinander vorbereitet, und legendär sind ja unser beider Auftritte mit dem Raben Rudi, das Thema als solches wurde vorher abgesprochen, und dann entwickelte sich immer eine Art „Stand-Up-Comedy“ – bis hin zu meinem Abschied, wo ich Rudi zuliebe gelbe Socken anhatte.

Birgit Hilgenberg: Die Kinder, Eltern und das Team haben Rudi sehr gemocht – und ehrlich gesagt: ich auch. Mit Rudi konnten wir beide die Chance nutzen, den Kindern unzählige biblische Geschichten nahezubringen. Sehr dankbar bin ich dafür, dass wir stets christliche Werte vermitteln konnten, ohne andere Religionen vor den Kopf zu stoßen. Zu unseren Gottesdienstbesuchern zählten selbstverständlich katholische, muslimische, jüdische und orthodoxe Familien. Eine bunte Herausforderung, der stets Wertschätzung und Respekt entgegengebracht wurde – natürlich auch in der allgemeinen pädagogischen Arbeit der Kita. Dirk Frickenschmidt hatte es anfänglich nicht so ganz leicht mit uns – erst einmal mussten wir uns nach Deinem Abschied kennenlernen, aneinander gewöhnen und schließlich hat Rudi es (trotz oder mit Hilfe seines lockeren Schnabels) auch geschafft, das Herz dieses Pfarrers zu erobern.

Thomas Fuchs: Seit Deinem eigenen Abschied bist Du vermehrt ehrenamtlich in der Gemeinde „unterwegs“. Seit einigen Jahren hast Du den Vorsitz im Presbyterium, Du setzt Dich für die Arbeit und den Fortgang der Stiftung Netzwerk Unterbarmen ein. Du warst schon vor Dienstende maßgeblich in der Leitung des Freundeskreises Pauluskirche Unterbarmen tätig. Was wünschst Du Dir für unsere Gemeinde für die nächsten Jahre, sagen wir: bis 2030?

Birgit Hilgenberg: Oh je – da gibt es Vieles zu wünschen … Für die Gemeinde allgemein wünsche ich mir sehr, dass wir weiterhin engagiert und sehr offen und ehrlich miteinander umgehen. Die Wertschätzung und der Respekt gegenüber allen Menschen (egal ob groß, klein, alt, jung, deutschstämmig oder anderer Herkunft, christlich oder andersgläubig, sehr klug oder weniger, gesund oder mit Handicap, reich oder arm) sind für mich in meinem Ehrenamt ausschlaggebend. Alles, was im Presbyterium geschieht und beschlossen wird, hat für mich das Fundament darin, dass wir verantwortlich vor der und für die gesamte Gemeinde handeln und dass der Auftrag Christi (gelebte Verkündigung!) im Vordergrund steht. So wünsche ich mir, dass wir auch eine engagierte Jugendarbeit gestalten, wo sich junge Menschen finden können und wo wir ihnen ausreichend Freiraum für ihre Ideen und ihre Persönlichkeitsentfaltung geben. 

Daneben ist es mir sehr wichtig, dass wir vielfältige Angebote der Begegnung und des Miteinanders haben. Ich wünsche mir sehr, dass ich in vielen Bereichen transparent darstellen kann, warum welche Entscheidung zustande gekommen ist, sodass wir alle die Ergebnisse miteinander tragen können. Wenn ich jetzt das Stichwort WEGGEMEINSCHAFT nenne, dann meine ich tatsächlich, dass es gelingen kann, Wege mehrerer Gemeinden miteinander zu gehen, Angebote zu verknüpfen und zeitgemäße Ziele zu vereinbaren, um eine starke, lebendige Kirche im Tal zu bleiben.

Thomas Fuchs: Am sogenannten Ehrenamt hängt Vieles – wenn nicht manchmal Alles. Wie können wir Deiner Meinung nach für diese freiwillige und unbezahlte Mitarbeit immer wieder neue und jüngere Kräfte gewinnen, ermutigen und „begeistern“?

Birgit Hilgenberg: Ach, lieber Thomas, wenn ich dafür ein Rezept hätte, glaube mir, ich würde es mit viel Würze versehen und anwenden. Ich bin sehr überzeugt davon, dass das Ehrenamt immer mehr zurückgeht und zwar deshalb, weil in unserem gesamten gesellschaftlichen und politischen Wandel Aussagen wie „weniger Arbeit – mehr Freiraum“, „das, was ich mache, muss bezahlt werden“, „alles ist so stressig geworden“, „darum soll sich die Politik kümmern“ … immer mehr zunehmen und die Vereinsamung und Verinselung der Menschen auch auf eine Gesamt-Werteverschiebung zurückgeht. Begeisterung für ein Ehrenamt gelingt aus meiner Sicht immer dann, wenn wir Vorbilder erleben, die mit viel Herz und Hand engagiert ihre Tätigkeit ausüben. Ein gutes Beispiel dafür ist doch unser Begegnungscafé. Hier haben sich Menschen gefunden, die sich nicht nur an den Freitagen, sondern auch in ihrer weiteren privaten Zeit sehr stark für unsere fremdländischen (meist geflüchteten) Mitbürger einsetzen, mit ihnen die Sprache lernen, Ämter aufsuchen, sich um Ausbildungsplätze und Wohnungen bemühen sowie Vieles mehr. Gleiches erleben wir im Büchermarktteam: 18 Menschen setzen Woche für Woche viel Zeit und Körperkraft ein, sortieren Bücher, entstauben sie, schleppen, präsentieren und verkaufen in unnachahmlicher Mühe aus Liebe und Wertschätzung gegenüber unserer Pauluskirche. 

Von solchen engagierten Vorbildern braucht es aus meiner Sicht viel mehr. Dazu gehört auch ein großes Stück eigener Toleranz und eine klare positive Haltung gegenüber der Aufgabe. 

Für die Jugendarbeit sehe ich genau darin eine große Herausforderung: Zeit, Toleranz, Offenheit, Kreativität und Respekt sind hier unerlässlich und vor allem Freude am Tun, ohne ständig auf die Uhr oder aufs Bankkonto zu schauen. Jugendliche müssen erleben, dass wir gerne mit ihnen unterwegs sind und dass sie für uns eine Bereicherung in unserem (Gemeinde-)Leben bedeuten, dass wir sie bei uns haben wollen und neugierig auf alles das sind, was sie uns zu sagen haben (gerade technisch sind junge Menschen uns ja weit voraus). Unsere Jugend ist nicht die Gesellschaft von morgen, sondern sie ist es jetzt und heute und hat unser aller Engagement verdient.

Thomas Fuchs: Ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir (und mir) noch viele fruchtbare Jahre in unserer Gemeinde.