Predigt über Jesaja 66,10-14a

Predigt über Jesaja 66,10-14a


Prof. Dr. Hellmut Zschoch – 21.03.2020

Jesaja 66,10-14a

1
Herzlich willkommen! Ich bin Hellmut Zschoch und lehre an der Kirchlichen Hochschule
das Fach Kirchengeschichte. An diesem Sonntag Laetare sollte ich im Gottesdienst in der
Unterbarmer Hauptkirche predigen. Nun muss ja wegen der Corona-Seuche der
Gottesdienst ausfallen, und wir können nicht als Gemeinde zusammenkommen. Aber ich
denke, deshalb muss ja die Predigt nicht ganz ausfallen. Und das Evangelium brauchen
wir angesichts von Unsicherheit und Angst erst recht. Deshalb lesen oder hören Sie die
Predigt jetzt im Netz. Irgendwie sind wir auch so eine Gemeinde, wie Luther einmal sagt,
eine „Versammlung der Herzen in einem Glauben“. Und wie sonntags in der Kirche sind
wir so zusammen: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Jede
und jeder kann dann zu Hause mit seinem Gebet und vielleicht sogar mit seinem Lied auf
die Predigt antworten. —

Liebe Gemeinde!
„Andrà tutto bene“ – „Alles wird gut“! Das schreiben viele in Italien auf
Transparente an den Fenstern und Balkonen ihrer Wohnungen, die sie
nicht mehr verlassen sollen – eine gute Botschaft nach draußen.
Alles wird gut? Aber die Zahlen der Infizierten und der Todesopfer
schießen doch stündlich in die Höhe. Normales Leben wird täglich stärker
eingeschränkt. Die Angst wächst, Angst um die Gesundheit, Angst um

2
geliebte Menschen, Angst um Arbeit und Auskommen, Angst um eine
lebenswerte Zukunft.
Alles wird gut? Was ist das für eine Aussage angesichts von Krankheit und
Tod, von Lebenseinschränkungen und existenzieller Angst?
Ist das Verdrängung – alles nicht so schlimm, wird schon werden … ?
Ist das ein Wunschtraum – ich male mir die Welt, wie sie mir gefällt … ?
Oder ist das vielleicht doch im Kern ein Protest – ich wehre mich dagegen,
dass Krankheit und Rückzug und Angst schon alles sind, alles bestimmen?
So möchte ich den Satz gerne verstehen. Dann wäre er zugleich ein Satz der
Hoffnung: Da ist noch mehr, noch mehr an Leben, mehr an Zukunft. Alles
wird gut.
So gelesen, als Protest gegen das Lebensfeindliche und gegen das
Beherrschtwerden davon, als Aufruf, mehr zu sehen und mehr zu erwarten,
so könnte der Satz „Alles wird gut“ auch in der Bibel stehen. Dann wäre er
eine Zusage Gottes, ein Versprechen an die, für die alles gerade ganz und
gar nicht gut ist.
Nein, dieser Satz findet sich so nicht in der Bibel. Aber dort stehen viele
Texte, die im Grunde genau das sagen: Alles wird gut. Die Bibeltexte
ermuntern dann nur noch deutlicher dazu, daraufhin zu vertrauen, zu
handeln, miteinander zu leben. Der für diesen Sonntag vorgeschlagene
Predigttext ist so ein biblischer Alles-wird-gut-Text. Er steht im Jesajabuch
im Kapitel 66, die Verse 10 bis 14:
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb
habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun
dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun
dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Denn so spricht der H
ERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen
Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da

3
werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien
euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr
sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird
sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.
Worte eines Propheten, gesprochen mitten hinein in die Unsicherheit seiner
Zeit. Israels Exil ist zu Ende, doch immer noch ist das Elend ist groß, sind
die Aussichten trübe: Gibt es die Chance für einen Neuanfang mit Zukunft?
Was ist zu tun, und können wir das schaffen? Ist da noch genug Kraft nach
so vielen Entbehrungen? Jerusalem, die Sehnsuchtsstadt, liegt in
Trümmern. Der Tempel, das Haus des Gottes Israels, ist zerstört. Ist Gott
noch da? Gibt er Zukunft und Leben?
Eine bedrückte, beschränkte, angstvolle Zeit. Das Bild vor Augen ist grau in
grau. Und da hinein ruft der Prophet: Freut euch!
Freut euch mit Jerusalem!
– mit der zerstörten, ihrer einstigen Schönheit beraubten Stadt. Ein Aufruf
zur Freude als Protest gegen graue Mutlosigkeit. Ein Appell, in der
Ruinenstadt das Leben neu zu entdecken, dem Leben Vertrauen zu
schenken, Gott gerade da zu finden, wo er abwesend zu sein scheint.
Der Prophet sagt das in einem starken Bild, dem Bild der Mutter. Ganz
konkret: der Mutterbrüste, Inbegriff von Lebendigkeit, Fruchtbarkeit,
Versorgtsein. Nicht schlaff und leer sind die Brüste der Mutter Jerusalem,
obwohl es gerade genau so aussieht. Sondern prall gefüllt sieht sie der
Prophet vor sich und malt für alle Sinne aus, welchen Genuss es bereitet, an
diesen Brüsten zu saugen und davon satt zu werden, wie es stärkt, in den
Armen dieser Mutter neue Lebenskraft zu spüren. Da ist Wärme, da ist
körperliche Nähe in höchstem Maß, da ist ein Zuhause – und die ganze
Szene verwandelt sich aus der Trümmerlandschaft in ein Idyll – Wasser in
Fülle in der dürren Landschaft, Wasser des Friedens und des Wohlstands
für alle. Volles Leben:
Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und
4
euer Gebein soll grünen wie Gras. Alles wird gut! Und das alles nicht als
bloßer Traum, als haltlose Fantasie, sondern als Zusage des Gottes, der mit
den Seinen verlässlich unterwegs ist:
Ich will euch trösten, wie einen seine
Mutter tröstet.
Auch wenn das Haus Gottes am Boden liegt – auch wenn die
Kirchen geschlossen bleiben -, der trö stende Gott ist nahe, bleibt nahe,
schafft Leben und Zukunft.
Schöne Worte, kräftige Bilder: Bleibt nicht trotzdem alles, wie es ist?
Ändern diese Worte und Bilder etwas an der grauen Wirklichkeit?
Ja, liebe Gemeinde, ich denke schon.
Ja, die Welt ist schon in dem Moment anders, in dem es Worte und Bilder
voll Trost und Hoffnung laut werden – und Menschen diese Worte und
Bilder aufnehmen und teilen.
Ja, die Welt wird anders, wenn es Zeichen von Hilfe und Solidarität gibt.
Ja, die Welt wird anders, wenn denen Grenzen gesetzt werden, die
rücksichtslos dem Leben schaden.
In unserer Gegenwart, liebe Gemeinde, erleben wir gerade eine Fülle von
Bildern und Worten: Während das alles auslösende Virus für unsere Sinne
nicht wahrnehmbar ist, sind es seine Wirkungen in höchstem Maße, gerade
die Wirkungen, die uns schützen und die Seuche aufhalten sollen.
Manche Bilder und Worte bleiben besonders hängen – jede und jeder wird
da selber etwas aus der letzten Zeit vor Augen haben.
Es gibt die Bilder und Worte, die mir ans Herz gehen: Ich denke an den alten
Mann, der sich im Pflegeheim von seiner dementen Frau verabschiedet, die
er nun bis auf Weiteres nicht mehr besuchen darf, der nicht einmal weiß, ob
er sie überhaupt noch einmal lebend wiedersehen wird, wie er ihr noch
einmal die Wange streichelt und ihr sagt, dass er sie liebhat …
Oder da ist das Bild der Krankenpflegerin, die erschöpft über ihrem
Arbeitstisch eingeschlafen ist, wirklich bis zum Umfallen im Dienst an

5
anderen …
Es gibt auch die Bilder und Worte, die mich wütend machen: Da feiern
Leute Party und sagen Sachen wie „Ich lass mir doch nicht jeden Spaß
verderben“, die vor lauter Angst, selbst was zu verpassen, lieber keinen
Gedanken an andere verschwenden …
Und da sind auch die vergessenen Bilder und Worte: Gibt es denn plötzlich
keine Bilder mehr von der griechisch-türkischen Grenze oder keine
Hilferufe mehr von der Insel Lesbos? Die Bilder derer, die Sorge haben, ihre
Wohnung nicht mehr verlassen zu dürfen, überlagern die Bilder der vielen,
die froh wären, eine Wohnung zu haben, irgendwo zu Hause sein zu können

Wie gut, dass da auch noch die Bilder und Worte sind, die Mut machen und
Herz und Verstand wärmen: Menschen singen auf den Balkonen, nicht nur
in Italien, auch in einem deutschen Altenheim. Und am Schwarzen Brett
eines Mietshauses hängt plötzlich ein neuer Zettel – ein Hilfsangebot für die,
die nicht rausdürfen. Da durchbrechen Menschen die übliche Anonymität,
da gibt es neue Nähe trotz körperlicher Distanz …
Ja, die Welt ist anders, wird anders, wenn in ihr der Glaube lebt, dass da
noch mehr ist als Leiden, Beschränkung und Angst. Wenn da ein Vertrauen
ins Leben ist, das frei macht für andere.
Freut euch mit Jerusalem! Ich tröste euch, wie einen seine Mutter tröstet. Wir
hören das, liebe Gemeinde, mitten in der Passionszeit. In dieser Zeit
erinnern wir uns als Christinnen und Christen an den Leidensweg Jesu. Und
mittendrin trägt dieser Sonntag heute den Namen „Laetare“ – „Freut euch!“
Dieser Name nimmt ja die Botschaft des Propheten aus dem Jesajabuch auf:
Freut euch, weil da mehr ist als Leiden. Weil der Gott Israels sich nicht
zurückzieht. Weil dieser Gott tröstet wie eine Mutter. Weil er in dem
Menschen Jesus selber seine eigene Passion lebt. Und das im Doppelsinn

6
des Wortes: Gottes Passion als sein Leiden mit den gequälten und
geängstigten Menschen, und Gottes Passion als seine Leidenschaft für das
Leben dieser Menschen und der ganzen Welt.
Der Aufruf zur Freude :mitten in der Passionszeit, mitten auch in den
Leidensbildern, die uns gegenwärtig bedrängen. Freut euch! Nicht um zu
verdrängen. Nicht um sich wegzuträumen. Sondern um mitten im Leiden,
mitten in Einschränkungen, mitten in Angst zu entdecken, was da in alldem
lebendig ist – an Kraft, an Mut, an Liebe. Um das Potenzial dessen zu finden,
was ungeahnt möglich ist, an Nähe, an Solidarität, auch an Aushalten und an
Geduld. Freut euch – damit Glaube, Liebe und Hoffnung neu zum
Lebensantrieb werden.
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet: Keine billige
Vertröstung, sondern eine Zusage, die die Welt verändert. Wenn sie ins
Herz dringt und ins Hirn und in den ganzen Körper. Ein Wort zum Leben,
weil es Kraft gibt, Leiden auszuhalten;
weil es die Augen öffnet für das, was andere brauchen;
weil es das Gewissen schärft, sich dem entgegenzustellen, was böse, dumm
und gedankenlos anderen schadet;
weil es dazu ermuntert, das Mögliche zu tun und das Überflüssige auch mal
zu lassen.
Alles wird gut, liebe Gemeinde? In der Welt, wie wir sie überblicken, wohl
eher nicht. Da wird weiter gestorben, gequält, gelitten. Und daran ändert
auch all das nicht, was Menschen Potenzialen dagegen entdecken und
einsetzen.
Eigentlich geht der kleine Satz „Alles wird gut“ aber noch weiter. Jedenfalls
in dem verbreiteten Spruch, der im letzten Jahrhundert aufgekommen und
in vielen Versionen unterwegs ist: „Alles wird gut am Ende– und wenn nicht
alles gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ So könnte der Satz eigentlich

7
erst recht in der Bibel stehen. Unser Glaube erwartet ja ein Ende, an dem
Gott tatsächlich alles gut macht, wenn ein neues Jerusalem nicht mehr
Trümmerstätte ist und auch nicht mehr Zankapfel von Religionen und
Kriegsparteien, sondern der Ort, an dem alle Tränen abgewischt werden
und Tod und Leid, Geschrei und Schmerz nicht mehr sein werden, wie es in
der Offenbarung des Johannes (21,1-4) heißt. Dieses Ende werden nicht
wir herbeiführen. Alles gut werden zu lassen, ist keine menschliche
Möglichkeit. Unsere Welt bleibt eine, in der nicht alles gut ist. Aber in allem
Leiden und aller Angst mit Worten und Bildern und Taten für das Leben
einzutreten und ihm mehr Raum zu verschaffen, das geht.
Auf vielen der Transparente mit dem „Andrà tutto bene“ – „Alles wird gut“
ist zu diesen Worten ein Regenbogen gemalt. Aus grauen Wolken erhebt
sich der bunte Bogen des Lebens. Und der kommt nun tatsächlich in der
Bibel vor: Nach der Sintflut macht Gott ihn zum Zeichen für Leben und
Zukunft. Unter diesem Zeichen können wir auch in diesen Tagen leben – in
dem Lebensvertrauen, das der Regenbogen symbolisiert. Der Gott, der wie
eine Mutter tröstet, geht mit. Alles wird gut. Amen.
Im Gottesdienst würde jetzt ein gemeinsames Lied folgen. Ich hätte gerne aus dem
Gesangbuch die Nummer 398 mit Ihnen gesungen: In dir ist Freude in allem Leide. Ich
singe es nicht vor, aber ich lese es noch, weil es die Gedanken der Predigt so schön
weiterführt (vielleicht mögen Sie es ja dann zu Hause singen):
In dir ist Freude in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,
an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.
Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden
Teufel, Welt, Sünd oder Tod;
du hast’s in Händen, kannst alles wenden,
wie nur heißen mag die Not.
Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren

8
mit hellem Schalle, freuen uns alle
zu dieser Stunde. Halleluja.
Wir jubilieren und triumphieren,
lieben und loben dein Macht dort droben
mit Herz und Munde. Halleluja.
Gehen Sie zuversichtlich in die kommende Zeit unter Gottes Segen:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Prof. Dr. Hellmut Zschoch

Auch als Audiodatei: