Predigt 11.8. 2019

Kinder des Lichts

Als ich gestern sah, wie die Sonne durch die Wolken brach und den grauen Tag hell und schön machte, ging ich schnell raus auf die Terrasse, schnappte mir einen Stuhl und eine Auflage, um das warme Licht zu genießen. Wenige Minuten später verdunkelte die nächste große Wolkenbank wieder alles. Ich stellte den Stuhl zurück und ging ernüchtert ins Haus zurück, nur um zehn Minuten später erneut heraus zu eilen. „Heiter bis wolkig“ nennt man solche Tage. Da dachte ich mir: ich hätte auch einfach etwas zuversichtlicher draußen sitzen bleiben können in der Hoffnung, dass es neu aufklart, und die zehn schattigen Minuten dort überstehen könnten, statt mich gleich wieder zurückzuziehen.

Einer der Predigttexte des heutigen Sonntages steht im Epheserbrief im 5. Kapitel. Ich möchte heute etwas zu den beiden Versen 8 und 9 daraus sagen. Da heißt es

Einst wart ihr Finsternis, jetzt seid ihr Licht in dem Herrn.

So lebt als Kinder des Lichts;

die Frucht des Lichts ist lauter Güte

und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Eine wunderbare, einladende Formulierung.  Lebt als Kinder des Lichtes! Oder, wie Jesus in der Schriftlesung gesagt hat: Ihr seid das Licht der Welt! Sollten wir tatsächlich Lichtgestalten sein? Fühlen wir uns normalerweise nicht eher so wie das jetzige Wetter: „heiter bis wolkig“?

Ja, tatsächlich: bei dem Ausdruck „Lichtgestalt“ kann es uns ziemlich schnell mulmig werden. Denn dieser Ausdruck, Lichtgestalt, wird ja normalerweise nur von wenigen Menschen gebraucht, die irgendetwas ganz Besonderes erreicht haben.Sie erinnern vielleicht noch, wer vor einigen Jahren in Deutschland Lichtgestalt genannt wurde? Ich bin dem Ausdruck vor einigen Jahren zum ersten Mal in Fußball-Kommentaren begegnet, als plötzlich von Franz Beckenbauer gesagt wurde: – „eine Lichtgestalt des Fußballs“. Gemeint war: einer, der immer wieder höchste Ziele erreicht hat und der bei allem immer wieder ein glückliches Händchen hatte. Einer, der als Spieler Meister, Europameister und Weltmeister wurde, und als Trainer oder besser gesagt Teamchef (er hatte ja gar keine reguläre Trainer-Ausbildung)  erneut Meister und Weltmeister.

In der Bibel wäre eine vergleichbar erfolgreiche Gestalt der König David, der eine Karriere vom Hirtenjungen über Guerilla-Führer bis hin zum erfolgreichen Feldherrn und Herrscher vollzog, die Stämme Israels vereinigte und das Land stärker als je machte.

Wenn wir solche Beispiele hören, winken wir innerlich ab: in dieser Liga spielen wir selber nicht. Nicht jede und jeder kann eine prominente Lichtgestalt im Sinn großer öffentlicher Lebenserfolge in leitender Stellung sein. Das ist das erste, was uns abhält, uns selbst für große Leuchten zu halten: uns kommt das einfach mehrere Nummern zu groß vor, für unser alltägliches Leben. So hell strahlt unser Licht doch nicht, denken wir. Aber schauen wir mal genauer hin.

Derselbe Franz Beckenbauer hat sich kürzlich als verhandlungsunfähig krankschreiben lassen müssen, damit er sich nicht vor Gericht gegen Manipulations- und Korruptions-Verdacht verteidigen muss. Weil große Schatten auf sein Lebenswerk fallen könnten und bei weitem nicht alles in seinem Leben so glanzvoll verlaufen ist, ist der früher ständig Interviewte und um Kommentare Gebetene komplett auf Tauchstation und kann seinen Ruhm als Lichtgestalt nicht mehr genießen. Und allen wird klar: es gibt viel Licht und viel Schatten in diesem Leben. Heiter bis wolkig. Genau wie bei anderen Menschen.

Für David sieht es ähnlich aus, wie die Bibel glücklicherweise nicht verschweigt. Auch in seinem Leben, dem des wohl größten Königs in der Geschichte Israels, mischen sich große Erfolge mit fragwürdigen und erbärmlichen Verhaltensweisen. Und am Ende hat er es trotz aller Erfolge nicht geschafft, eine einträchtige Familie und ein einträchtiges Land zu hinterlassen. Licht und Schatten.

Ich will ein weiteres heutiges Beispiel hinzufügen, das für immer mehr Menschen heutzutage steht. Herrn K. war Abteilungsleiter einer großen Firma. Jahrelang hatte er gepowert, war sehr erfolg-reich, hatte von sich und anderen viel erwartet. Und plötzlich – für ihn ( nicht für die Umwelt) ganz unerwartet ging plötzlich nichts mehr. Auf einer Tagung in der Evang. Akademie Bad Boll zum Thema „Burnout – Als Führungskraft Verantwortung übernehmen“ hat er öffentlich mutig von seinem Zusammenbruch erzählt.

„Ich habe jahrelang eine klare Konditionierung gehabt: du bist stark, du bist gut drauf, das schaffst du  – nichts war mir zu viel – aber dann kam der Konzernumbau. …Das war vor allem eine enorm psychische Belastung, denn mit dem „ Abwickeln“ waren Arbeitsplätze und damit menschliche Schicksale verbunden.  Da hat meine Konditionierung als „ Held“ nicht mehr geholfen, als ich mitbekommen habe, wie jahrzehntelang engagierte Mitarbeitende plötzlich „ abgebaut“ wurden – ihre Arbeit nichts mehr galt und sie einfach wie Spielfiguren hin und her geschoben wurden.

Ich habe mich für meine Leute engagiert, habe unseren Standort so stark wie möglich gemacht mit immer besserer Leistung. Er wurde gerettet – dabei habe ich mich selbst aber verloren…Ich erlitt einen Zusammenbruch. Von einem Tag auf den anderen ging nichts mehr. Diagnose: Erschöpfungsdepression. … Ich hatte einen enormen Widerstand in mir, meine seelische Überbelastung, eine eigene psychische Erkrankung ein zu gestehen. Aber dann wurden die Panikattacken immer stärker, sagt er. Ich habe nichts mehr empfunden, vor allem hatte ich kein Empfinden mehr für Freude: jeder Tag war gleich grau. … In mir war es finster – und ich brauchte den absoluten Rückzug.  In der Klinik hat es mich erleichtert, nicht wieder lichtvoller Held sein zu müssen, sondern meine innere Dunkelheit, meine eigene Hilflosigkeit und Schwäche anzunehmen. Das war schwer genug. … Ich habe angefangen, über den Sinn des Lebens nach zu denken – und ich habe gemerkt: das Leben ist nichts selbstverständliches, sondern ein Geschenk. Spiritualität spielt plötzlich eine Rolle – Eine ganz tiefe Dankbarkeit zu spüren : ich lebe… ich höre die Vögel… ich rieche Blumen….ich genieße Zeit mit Menschen, die ich mag.“ Ein erfolgreicher Manager erzählt, wie er als strahlender Held in leitender Stellung in tiefe Dunkelheit fiel. Und wie er aus dankbarem Neuanfang eine andere Form von Lebens-Erhellung erfuhr.

Wenn ich alle drei Beispiele vor Augen habe, dann denke ich: es wäre ein Fehler, die Aufforderung des Epheserbriefes (Lebt als Lichtkinder) als Anweisung zum strahlenden Starksein misszuverstehen. Unser Gefühl sagt uns ganz richtig: keine und keiner ist nur stark, ist nur hell. Licht und Schatten gibt es in jedem Leben, auch in unserem.

Genau umgekehrt wird ja im Sinn des Epheserbriefes ein Schuh daraus, der uns passt. Wir dürfen, wir sollen sogar, als ohne Scheu auf unsere Schattenseiten schauen. Sowohl auf unsere Schwächen als auch auf das, was uns belastet, bedrückt, einengt und das Leben schwer macht. Denn nur wer diese Schattenseiten kennt und vor Augen hat, kann verstehen, wie unendlich kostbar und erlösend es ist, wenn da hinein ein erhellender Lichtstrahl fällt. Wenn die schweren Wolken aufbrechen und die Sonne auf alles ein wärmendes und der Seele guttuendes Licht wirft.

Vor der Schöpfung , so erzählt die Bibel, war alles finster….Gott beginnt die Schöpfung mit den Worten: „Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da trennte Gott das Licht von der Finsternis – und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“ D.h., Finsternis, so erzählt die Bibel, gab es schon immer – aber nun beginnt etwas Neues: die Finsternis hat nicht mehr die Macht, alles zu besetzen. Es gibt jetzt auch das Licht!!! Der Finsternis werden Grenzen gesetzt. Sie wird durch das Licht zwar nicht ganz verschwinden, aber wir dürfen darauf vertrauen, so will es der Schöpfungsbericht vermitteln: aus der Finsternis soll Licht hervorleuchten, auf Nächte sollen Tage folgen, und Gott führt uns alle und alles durch Finsternis in sein Leben schaffendes schönes Licht.

Zu Beginn des Johannesevangeliums taucht derselbe Gedanke auf: „das Licht kam in die Finsternis, – aber die Finsternis hat’s nicht auslöschen können“. Jesus als Licht des Lebens kommt nicht zu bereits fertigen Strahlemännern und Strahlefrauen, sondern es kommt in unser heiter bis wolkiges Leben – und auch in die tiefsten Winkel unserer Finsternis. Und dann begegnet Jesus Menschen als ein Licht, das sogar stärker ist als die Finsternis des Todes  – und dadurch eine neue Art von Wirklichkeit schafft. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben!“

Wie viel bedeutet das heute, wo sich täglich Schatten auf unsere Stimmungen und unser Leben legen, und wo sich auch im Großen in den Nachrichten und Gesprächsrunden Gegenwart und Zukunft der Menschen immer wieder zu verdüstern scheinen? Die Liste der Schatten und dunklen Zonen ist lang und wird länger. Keine vermeintlichen prominenten Lichtgestalten helfen uns da. Im Gegenteil: die führenden Politiker, die sich dafür halten, gehören oft zu den unangenehmsten Zeitgenossen überhaupt und sind mit ihren Ansprüchen und Selbstgerechtigkeiten immer wieder eine Zumutung. Und auch wir selbst werden vom Epheserbrief nicht aufgefordert, uns gegenüber anderen für was besseres zu halten.

Nein, der Epheserbrief spricht glücklicherweise von einem anderen Licht, von einem wärmenden und erhellenden Licht, das von Gott her auf uns scheint, bevor wir es weitergeben können. Wir wollen uns erst selbst von diesem Licht erfüllen lassen, das mitten in Fins-ternissen da ist, gegenwärtig ist! Wir wollen es erst als solches entdecken, als etwas von Gott Gegebenes, wie der Manager in seiner Schaffens-Pause. Wir wollen neu aufmerksam werden auf das in uns und um uns aufstrahlende Licht Gottes, das von der Finsternis nicht erstickt wird! Wir wollen uns neu erfüllen lassen von diesem Licht, das seit der Schöpfung Dinge und Menschen gut werden lässt. Wir wollen uns überströmen lassen von dem Licht, in dem wir mit Gottes Augen gnädig und barmherzig angesehen werden und so auch in unseren eigenen Augen hell und ausstrahlungsfähig werden können.

Diese Licht ist klar und rückt alles in die richtige Perspektive. Was kritisch zu beleuchten ist in dieser Welt, steht in diesem Licht auch fraglich da und kann sich nicht hinter irreführenden Floskeln verstecken. Aber es ist für alle, die es suchen, vor allem ein Licht, das wie eine warme Sonne Pflanzen wachsen lässt, und das nicht ohne den Regen des Trostes und der Barmherzigkeit Gottes kommt, der auch zum Wachsen gehört. Es ist ein Licht, das uns zusammen mit dem Regen der Güte Gottes aufrichtet, wie Sonne und Wasser gemeinsam verdorrte Pflanzen aufrichten.

.“Wach auf, der du schläfst, steh auf  von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ heißt es wenige Verse später im Epheserbrief. Ein altes Tauflied ist das, denn es will daran erinnern, wie doch durch die Taufe eine neue Wirklichkeit beginnt: dass wir im  Licht Jesu Christi leben, dass dieser Morgenglanz der Ewigkeit sich künftig nicht mehr ganz verdunkeln lässt … Wacht auf und schaut, wie ihr lebt – und dann entdeckt, wir ihr leben könnt in diesem Licht: in lauter Güte  und Gerechtigkeit und Wahrheit. Denn das ist die Frucht des Lichts.

Frucht – das ist etwas anderes als menschlicher Erfolg. Fruchtbar ist das, was wir nicht aus uns selbst haben, aber pflegen dürfen, damit es wachsen kann.  Etwas, an dem wir unsere Freude haben und es in Gottes Sinn gut werden lassen können. Das hat in der heutigen Zeit oft mehr mit Innehalten und sich neu Ausrichten zu tun als, mit schnellem und oft blindem Aktionismus. So wollen wir mitten in dem, was uns umtreibt, innehalten und in uns die Frucht des geschenkten Lichtes reifen lassen. Und dann aus dieser Erhellung heraus handeln! Denn

die Frucht des Lichts ist lauter Güte

und Gerechtigkeit und Wahrheit.

In diesem, uns geschenkten Sinn können wir Licht-und-Schattenwesen reifen zu Menschen, durch die etwas hindurch strahlt, Menschen, die sich

–           einerseits selbst aufhellen lassen durch Jesus Christus, das Licht, das die Welt durchstrahlt.

–           und andererseits ihre eigene Fähigkeit entdecken und wachsen lassen, selbst heller zu werden und anderen das Leben heller machen zu können. Das ist etwas, was uns durch Jesus Christus geschenkt wird     und wozu wir durch ihn wirklich befähigt werden. Lasst uns einfach öfter und fröhlicher üben, das auszustrahlen: Wir sind durch Jesus Christus wirklich Kinder des Lichtes, also soll es seinen schönen Schein in uns und um uns entfalten!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, segne und bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dirk Frickenschmidt