Predigt zu Joh. 16, 23 b. 24. 33 (Rogate 2019, HKU)

Predigt zu Joh. 16, 23 b. 24. 33 (Rogate 2019, HKU)

„Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es“, sagte Greta Thunberg beim diesjähri­gen Weltwirtschaftsforum in Davos. Und weiter: „Er­wachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht, (…) Ich will, dass ihr in Panik gera­tet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“

Als ich das zum ersten Male hörte und las, da dachte ich – muss ich leider zugeben – noch: „Na, nun mach mal halblang, Mädchen.“ Und: „Wann geht die eigentlich zur Schule?“

Auch die ersten Fridays for Future haben mich von sol­chen Gedanken noch nicht abgebracht.

Inzwischen aber bin ich einige Runden Nachrichten und Nachdenken weiter und sehe anders auf diese junge Frau und die anderen jungen Menschen, die da jeden Freitag bei Sonne und Regen, Hitze und Kälte marschie­ren. Ich habe gehört und gelesen, wie über Greta Thun­berg und ihr Asperger-Syndrom geredet und geschrie­ben wurde – als werde dadurch das, was sie zu sagen hat, weniger richtig. Ich habe vernehmen müssen, wie den Fridays-Schülerinnen und -schülern geraten wurde, sie sollten so wichtige Fragen wie das Weltklima doch lieber den Profis überlassen – als könnten wir nicht je­den Tag sehen, was dabei herauskommt. Ich habe begriffen,dass man in seiner Freizeit einfach nicht streiken kann, weil man da ja eben frei hat. Und ich habe diverse Berichte zum Artensterben, zum Run auf die Rohstoffe in der Arktis, zum Schmelzen des Permafrosts in Gebirgen und Tundra sowie die Diskussionen um CO2-Steuer, Dieselfahrverbote sowie weitere Betrügereien bei VW, Daimler, BMW, AUDI und wie sie alle heißen zur Kenntnis genommen.

Ich habe dabei nach und nach schlicht Wut gekriegt. Und: Die Angst, von der Greta Thunberg spricht, ist mir noch näher auf die Pelle gekrochen, als sie mir vorher schon saß. Denn es ist ihr Verdienst und das der ande­ren jungen Menschen, die Freitags auf die Straße gehen, dass diese Angst sich noch einmal schwerer ver­drängen lässt als noch vor einigen Monaten.

Denn das kann ich, können, glaube ich, wir alle,eigent­lich ziemlich gut: Angst und Sorgen verdrängen. Ich auch. Klar, die Tagesschau hat fast den Rang einer Abendandacht, aber danach? Wer von uns ist es denn nicht leid, sich immer wieder mit all dem Schrecklichen in der Welt auseinanderzusetzen? Jeden Tag Bilder von Krieg und Bürgerkrieg, Hunger, Folter, Elend und Unter­drückung, schmelzenden Polen und Naturkatastrophen, Migrations- und Flüchtlingselend. Da schalte auch ich doch lieber ein anderes Programm ein oder gleich ganz ab, weil es irgendwann einfach zuviel wird.

Ich glaube, wir alle haben solche Mechanismen, richten unsere Mauern gegen die Angst auf und türmen sie im­mer höher, Mauern aus Shows, Serienfilmen und Quiz­sendungen, Mauern aus finanzieller Sicherheit und äu­ßerem Wohlergehen. Die Angst soll gefälligst draußen bleiben. Sie macht nur empfindlich und stört die Behag­lichkeit des Lebens. Weg mit ihr.

Nur: Was ist, wenn wir merken müssen, dass das alles nicht (mehr) funktioniert? „Was“, fragt Ingeborg Bach­mann in einem ihrer berühmtesten Gedichte, Reklame heißt es, „Was aber geschieht/…/wenn Totenstille/ein­tritt“?

Ja: „Was aber geschieht/…/wenn Totenstille/eintritt“?

So viele Tricks und Mittelchen wir auch haben, die be­ängstigende Wirklichkeit nicht an uns herankommen zu lassen – irgendwann werden sie uns aus der Hand ge­schlagen. Und dann stehen wir da mit unserer Angst, vor der wir uns doch in Sicherheit bringen wollten und die nun unaufhaltsam auf uns zukriecht.

„Was aber geschieht/…/wenn Totenstille/eintritt“? Ich glaube, wir erleben gerade so einen Moment, und Greta Thunberg und die Freitagsdemos stoßen uns darauf. Vor allem Greta Thunberg stößt uns darauf, weil bei ihr die Abwehrmechanismen, die andere Menschen so kunst­voll entwickeln können, schlicht nicht funktionieren. Sie kann nichts vergessen. Manche sagen: Sie hat ein phänomenales Gedächtnis. In Wirklichkeit aber ist es furchtbar für sie: Alles häuft sich im Kopf an, nichts kann aussortiert werden. Um damit leben, überleben zu können, geht sie nach außen. Sie schlägt uns, die wir das mit dem Verdrängen eigentlich sehr gut können, unsere Tricks und Mittelchen aus den Händen, und wir müssen erkennen: Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir die Fragen, die sich uns aufdrängen, nicht mehr in der Zukunftsform stellen können, wie ich das vor ungefähr 30 Jahren noch tat, als ich schon einmal über denselben Text wie heute gepredigt habe. Es heißt nicht mehr „Was wird werden, was wird sein“ –  wir sehen, was geworden ist. Wir stehen vor der nackten, brutalen Realität unserer Welt, unseres Tuns und seiner Folgen. Das Wasser steht uns – buchstäblich, die Menschen auf den Malediven können ein Lied davon singen – bis zum Hals.

„In der Welt habt ihr Angst…“ Das Wort aus dem Johan­nesevangelium trifft die Wirklichkeit und bringt sie auf den Punkt. Das war damals so, als es in die schweren Auseinandersetzungen mit der örtlichen jüdischen Ge­meinde hineingesprochen wurde, in die die Gemeinde des Johannes verwickelt war. Das ist heute so, in einer Zeit, in der es schlicht um die Existenz des Planeten geht.

Wie aber nun damit umgehen?

Jesus, der in unserem Text mit so großer Selbstver­ständlichkeit und Klarheit von der Angst redet, setzt die­ser Angst eine ebenso klare und einfache Möglichkeit entgegen. „Betet“, sagt er. Und verspricht Erfüllung: „Wenn ihr den Vater um etwas bittet in meinem Namen, wird er‘s euch geben… Bittet, so werdet ihr nehmen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“ (V. 23 + 24). Neh­men, nicht empfangen, wie Luther etwas schüchtern übersetzt hat. Nehmen!

Verblüffend, nicht wahr? Und: Jau, werden wir, nachdem wir uns von unserer Verblüffung erholt haben, sagen müssen. Was sonst? Denn, wie gesagt, es sind uns ja alle Möglichkeiten der Verdrängung aus der Hand ge­schlagen. Was also haben wir sonst als das Gebet? Was bleibt uns sonst, als unsere leeren Hände Gott entge­genzustrecken in der festen Hoffnung, dass er/sie sie fül­len wird? „Wer unter euch Menschen, der seinem Kind, wenn es ihn bittet um Brot, einen Stein bietet“, heißt es im Matthäusevangelium. Das wird ein menschlicher Va­ter/eine menschliche Mutter nicht tun. Das wird auch Gott, Vater und Mutter für uns, nicht tun.

So weit, so gut. Nun beten wir aber seit ungefähr 2000 Jahren, und unsere jüdischen Geschwister tun das noch viel länger als wir. Und trotzdem sind wir mit unserer Welt an dem Punkt angelangt, dass alles auf der Kippe zur Großkatastrophe steht. Was machen wir denn jetzt damit? Die jüdische Tradition gibt darauf eine – wieder­um verblüffend einfache Antwort: Weiterbeten! Im Tal­mud heißt es nämlich: „Wenn ein Mensch sieht, dass er betet, ohne erhört zu werden, so bete er immer aufs neue.“ Weitermachen, nicht aufhören, Gott in den Ohren liegen, wenn es sein muss, bis es ihm auf die Nerven geht wie bei dem Richter und der Witwe in Luk. 18. Oder wie Mose am Sinai, nachdem die Israeliten sich das Goldene Kalb gebaut hatten, um es anzubeten. Beten, beten, beten.

Wir merken: Das Beten ist ein Gebot. Es ist eines der Gebote, von denen Jesus in Kapitel 14 und 15 spricht: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“ (14, 15) uns „Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in der Liebe“ (15, 9).

Beten als Gebot. Und das Ziel des Betens und des Ein­haltens der Gebote ist die vollkommene Freude: „Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde“ (15,11). Und: „Bittet, so werdet ihr nehmen, auf dass eure Freude voll­kommen sei“ (16, 24).

„Seid getrost; ich habe die Welt überwunden.“ So setzt Jesus seinen klaren Satz von der Angst in der Welt fort. Im Grunde steckt darin etwas, das bei Johannes gar nicht überliefert ist, aber trotzdem mitschwingt, nämlich die Bitte des Vaterunser: „Dein Reich komme.“ Das aber heißt: Es geht beim Beten nicht um die Erfüllung unserer persönlichen und privaten Wünsche und Träume, so wichtig die sein mögen. Es geht um nichts weniger als das Kommen der Neuen Welt, wie Jesaja und die Offenbarung des Johannes sie beschreiben. Es geht um das Reich Gottes, dieses Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, das die ganze Bibel, von vorne bis hinten, erfüllt, als Sehnsucht und Versprechen. „Dies habe ich mit Euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt“ (V. 33). Und, etwas vorher: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch (14, 27).“

Betet! So heißt der heutige Sonntag. „Bittet, so werdet ihr nehmen, auf dass eure Freude vollkommen sei“ (16, 24). So gebietet und verspricht uns Jesus. Ich bin froh, dass uns in diesen Tagen, in denen uns Greta Thunberg und Fridays for Future so unerbittlich ins Gewissen re­den und marschieren und uns sämtliche Ausreden und Verdrängungsmöglichkeiten aus den Händen schlagen, gerade dieser Predigttext „serviert“ wird. Diese jungen Menschen können marschieren und streiken und Sit-Ins machen und was sie sonst noch für wunderbare Ideen haben. Viele von uns könn(t)en da mitmachen. Viele von uns sind sind aber auch in einem Alter, in dem das nicht mehr so leicht fällt. Wir müssen und dürfen deshalb aber nicht unsere Füße hochlegen, die Hände über dem Bauch falten und die Bequemlichkeit pflegen. Wir alle können einen Beitrag leisten. Wir können und sollen beten. Darum: Lasset uns beten!

Amen.

 

Dr. Sabine Zoske