"Wirf Hirn vom Himmel!"? (Pfingstpredigt 20.5. Hauptkirche)

"Wirf Hirn vom Himmel!"? (Pfingstpredigt 20.5. Hauptkirche)

Kennen Sie auch diesen etwas saloppen und schnoddrigen Spruch: „Lieber Gott, wirf Hirn vom Himmel!“? Mancher hat das schon gesagt oder gedacht, wenn man in einer bestimmten Situation – sei es belustigt, kopfschüttelnd, fassungslos oder sogar wütend – erlebt, dass scheinbar gerade irgendwo die Vernunft fehlt, der Verstand nicht funktioniert und Menschen sich (auch das wieder so ein Wort) „hirnrissig“ verhalten und benehmen …„Lieber Gott, wirf Hirn vom Himmel!“ Das ist ein Hilferuf, der besagt: „Es fehlt an Verstand und Einsicht und Nachdenken, bei dem, was jetzt gerade passiert. Das darf ja wohl nicht wahr sein …“

In diesen Wochen und Monaten gibt es für uns alle wohl auch so eine kollektive Wahrnehmung, wenn wir uns die Welt angucken. Oder bestimmte Entwicklungen in unserer Gesellschaft und unserem Land. Oder manchmal nur den Blick um uns herum schärfen …Da schreit unsere Welt nach Verständigung, nach Abbau von Feindbildern, nach globalen Lösungen zur Rettung unserer Lebensgrundlagen – und zugleich regieren Egoismus & Nationalismus, Gier und Profit. Und irgendwie gilt: Ich komme mir zur Zeit vor wie in einer Geisterbahn – nur, dass es keine unterhaltsame Fahrt ist. Wir sausen ins Dunkle hinein. Aus jeder Ecke springen mich all die Gesichter und Gespenster derer an, die gerade die Welt regieren. Und Du weisst nicht, was hinter der nächsten Kurve lauert …

Geisterbahn – vielleicht kein schlechtes Bild für unsere Welt zur Zeit. Und das Flehen um „Hirn vom Himmel“ keine schlechte Brücke zur heutigen Geschichte von Pfingsten.

Ich lese aus Apostelgeschichte 2:

Ratlos, mutlos, unsicher saßen die Freunde und Freundinnen des Jesus von Nazareth beieinander in einem Haus in Jerusalem, der Hauptstadt und Tempelstadt Israels – während um sie herum ein großes jüdisches Fest gefeiert wurde, zu dem Tausende von Menschen aus allen Himmelsrichtungen angereist waren.

Da geschah plötzlich etwas mit ihnen.

Vergleichbar mit einem frischen, kräftigen Wind, der ihnen in Kopf, Herz und Glieder fuhr.

Oder vergleichbar mit der Kraft des Feuers, das brennt und leuchtet und verzehrt.

Und sie wurden erfüllt mit der Lebens- und Liebeskraft, die wir den Heiligen Geist nennen – Gott selbst und seine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Und all diese Jesusleute, die zuvor noch kraftlos, ratlos und mutlos waren, wurden *Feuer und Flamme“ und teilten ihre Begeisterung, ihre Geistbegabung, sofort mit den Anderen.

Sie fanden Worte, die in allen Sprachen verstanden wurden.

Sie steckten Andere an mit der guten Nachricht des Evangeliums.

Und viele wurden berührt von dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, die von Gott kommt und die Kraft hat, die Welt zu retten und Dunkles hell zu machen.

Und als Petrus predigte, ging es den Menschen durchs Herz und Tausende öffneten sich dem heilenden und zurecht bringenden Lebensgeist.

Und das Reich Gottes nahm wieder ein Stück weiter seinen Lauf in dieser Welt.

….

Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden sprachen wir am Dienstag über Pfingsten – die Bedeutung im Ablauf des Kirchenjahres, diese biblische Erzählung (die sie in meiner Übersetzung gerade gehört haben) und was das ist, dieses Kommen des Heiligen Geistes nach Ostern … Und am Donnerstag war ich im Kindergarten mit dieser biblischen Geschichte. Ob die Kinder und Jugendlich ein bisschen verstanden haben, was das ist, dieses Pfingstfest? Verstehen wir es?

Es ist ja nicht einfach eine alte Bibelgeschichte über ein kurioses, uns fernes Ereignis damals – sondern eine Geschichte, in der es um die Frage geht, welche Geister und Ungeister diese Welt regieren und in unseren Köpfen und Herzen welchen Raum finden.

Diese Welt, in der unsere Kinder und Enkel eine Zukunft haben sollen. In dem wir Erwachsenen Häuser bauen, Apfelbäume pflanzen und Kinder großziehen wollen. Und in der die Alten in Frieden alt sein wollen, die bereits ein oder gar zwei Weltkriege erlebt haben …….

Wie also heißt es in dieser Pfingstgeschichte?

„Ratlos, mutlos und unsicher saßen die Freunde und Freundinnen Jesu beieinander“, so beginnt die Erzählung. So wie auch wir ratlos, mutlos und unsicher in die Welt blicken. Zuvor hatten sie erlebt, wie ihr Jesus verraten und getötet wurde. Dann erfuhren sie das Osterwunder seiner bleibenden Lebendigkeit und anhaltenden Wirksamkeit, wie immer die Osterscheinungen zu deuten sind, die ihnen widerfuhren. Und nun, wo Jesus nicht mehr physisch-leibhaftig bei ihnen war, warteten sie auf die Einlösung seines Versprechens, dass der Geist Gottes als Tröster und Begleiter zu ihnen kommen sollte.

„Und plötzlich geschah etwas mit ihnen – vergleichbar mit einem frischen, kräftigen Wind, der ihnen in Kopf, Herrz und Glieder fuhr. Oder vergleichbar mit der Kraft des Feuers, das brennt und leuchtet. Und sie wurden erfüllt mit Lebens- und Liebeskraft“

Das heißt: Inmitten unserer Welt, in der soviele bedrohliche, lebensfeindliche, zerstörerische Geister ihr Unwesen treiben und in der wir – wie die Jünger – oft ratlos, mutlos und unsicher sind, kommt zu Pfingsten der Heilige Geist, die Gottes-, Lebens- und Liebeskraft, die wir Menschen nicht aus uns selber haben.

Diese Ausgießung des Geistes schafft, so heißt es in der neutestamentlichen Geschichte ein Sprachwunder. Denn in Jerusalem befinden sich zu diesem Zeitpunkt Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Sprache, Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen. „Aber“, so heißt es, „sie fanden eine Sprache, die von allen Menschen verstanden wurde“. Dabei sind es ja verschiedene Sprachen, auch im weiteren und übertragenen Sinne, die auch uns trennen und eine Verständigung scheinbar unmöglich macht – wenn sie denn überhaupt wirklich gewollt ist.

Das gilt in unseren persönlichen Beziehungen. Im sozialen und gesellschaftlichen Kräftespiel.In der Frage der Armut, der Weltwirtschaft und des Klimaschutzes. Und jetzt gerade in einem Rückfall in einen neuen kalten Krieg, wo die alte Rhetorik wieder blüht, die Rollen von Gut & Böse wieder klar verteilt zu sein scheinen und die Heucheleien rund um die beschworene Verteidigung der Freiheit kaum zum Aushalten sind …

„Viele aber,“ so heißt es in der Pfingstgeschichte, “wurden berührt von dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, die von Gott kommt und die Kraft hat, die Welt zu retten und Dunkles hell zu machen.“ Das heißt: Neben den bedrohlichen, lebenszerstörerischen Kräften und Geistern in dieser Welt, ist noch ein anderer Geist am Werk – der Geist Gottes. Er findet sich nicht in den Schlagzeilen. Er wirkt oft im Verborgenen. Immer wieder wundert man sich, wo und wie er wirkt. Aber wo er das tut, heilen Beziehungen, geschieht Einsicht und Umkehr, wächst Mitleid und Mitgefühl, kommt Böses ans Tageslicht und kann nicht mehr so einfach so weitermachen, wird Liebe und Frieden zu einer neuen Erfahrung …

Der Geist Gottes ist es – und nicht der menschliche Geist, der auch im 21. Jahrhundert in manchen Dingen wenig dazugelernt hat – der zur Vernunft bringt, Gewalt dämmt und Kriege verhindert. Der Geist Gottes ist es, der Gräben überbrückt und verhärtete Fronten aufbricht.Damals, heute und durch alle menschliche Geschichte hindurch.

„Tja, schön wär’s!“ könnte jetzt unsere Antwort sein. Gottes guter Geist, das klingt gut. Den haben wir nötig.  Der müsste mal mächtig in die Köpfe und Herzen der Mächtigen hineinfahren – ob sie nun in Washington oder Moskau, in Syrien oder in und rund um Israel sitzen, in den Chefetagen der Konzerne und der Militärs. Aber es passiert nicht. Und es wird nicht passieren, oder?

Auch in der Pfingstgeschichte damals beginnt das Pfingstwunder nicht beim Kaiser in Rom, dem damaligen Imperium, und bei seinen Generälen und Truppen. Es erfasst auch nicht die Priester, die Tempel-Regenten und die religiöse Elite in Jerusalem. Aber unter den Zuhörern – 3000 ganz normalen Menschen aus allen Herren Ländern – zündet der Funke des Geistes.„Und als Petrus predigte, ging es den Menschen durchs Herz und Tausende öffneten sich dem heilenden und zurecht bringenden Lebensgeist. Und das Reich Gottes nahm wieder ein Stück weiter seinen Lauf in dieser Welt.“

Geschah das automatisch? Nein, es geschah nicht automatisch. Sondern es hatte etwas zu tun mit der Empfänglichkeit der Zuhörenden. Denn sie waren offen und empfänglich. Mit einem Herzen, das Gottes Geist berühren konnte, und das ihnen sagte: Wir wollen eine andere Wirklichkeit sehen und erleben. Und öffnen uns dafür.

Und dies geschieht, so sagt die Bibel, bis heute, immer wieder: Das Kommen und Wirken des Geistes. Es geschieht, wo wir es herbei sehnen und erbitten. Es geschieht manchmal gewollt und manchmal überraschend. In der Kirche und außerhalb der Kirche. Da, wo die Vernunft und die Menschlichkeit siegt. Hoffentlich auch jetzt gerade, bei denen, die die Weichen stellen auf der großen Bühne und hinter den Kulissen der Weltpolitik.

Und so bleibt auch das eingangs gesungene Kirchenlied – 1833 gedichtet – aktuell: O komm, Du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein/verbreite Licht und Klarheit/verbanne Trug und Schein!”

Gottes Geist schenkt Vernunft, Bereitschaft zum Umdenken, Einsicht in die Verbundenheit allen Lebens, Phantasie für neue Wege – und ein Herz voller Mitgefühl und Mitleid.

Was, wenn nicht dies, ist die Hoffnung der Menschheit?!

Thomas Corzilius