Predigt zu Philipper 2, 1 – 4; 15.7.2018, Unterbarmen

Liebe Gemeinde!

 

Gemeinschaft des Geistes. Liebe.

Barmherzigkeit. Ein­mütigkeit. Eintracht. Demut. Vor allem Demut. Äh, ja…

Demut: Herr Seehofer sieht ein, dass
er wegen Frau Merkel Minister ist, nicht sie seinetwegen Kanzlerin. Barmherzig
zwingen weder er noch Herr Söder irgend­wem Nachtsitzungen auf wegen eines
„Problems“, das angesichts der Migrationszahlen gar keins ist. Es gibt keine
Regierungskrise wegen „eitler Ehre“,
sprich: we­gen gekränkter Eitelkeit und Wahlkampf, weil es die her­beigeredete
„Flüchtlingskrise“ nicht gibt. Einträchtig stel­len sich alle gegen die AfD
statt ihren Parolen nachzu­laufen, wohl wissend, dass die Leute, wenn sie denn
auf diese Parolen abfahren, ohnehin lieber gleich das Origi­nal wählen und
nicht die Kopie. Einmütig bieten sie den Orbáns und Kaczynskis und Kurzens und
Konsorten die Stirn, wohl wissend, dass das Friedenswerk Europa auf Werten und
nicht auf Geldzahlungen basiert.

Ach ja, wäre das schön! Natürlich
könnte ich so eine Li­tanei auch zum Thema „vergeigte Fußballweltmeister­schaft“
und deutsche Nationalmannschaft zusammen­stellen, aber das lasse ich jetzt mal
besser. Um der politischen Ausgewogenheit willen sage ich aber gerne noch, dass
ich es durchaus gut fände, wenn sich Herr Gabriel, nachdem er sich aus dem
politischen Geschäft selbst hinauskatapultiert hat, nun auch zurückhielte und
seine Nachfolgerinnen und Nachfolger einfach in Ruhe arbeiten ließe… Und die
Namen Trump und Erdogan er­wähne ich in dem Zusammenhang auch anstandslos.

Gemeinschaft des Geistes also. Liebe.
Barmherzigkeit. Einmütigkeit. Eintracht. Demut. Vor allem Demut. Den
Hochmütigen der Welt müssen die Ohren klingeln bei dieser Aufzählung der
Gegentugenden zu ihrer Geistes­haltung.

Der Gemeinde in Philippi auch?
Vielleicht ein bisschen. Eigentlich war Paulus ja offenbar hocherfreut über
ihren Zustand – vollkommen sollen die
Gemeindeglieder seine Freude machen, also muss sie ja da gewesen sein. Mit der
Demut möchte es allerdings vielleicht ein wenig gehapert haben, was bei der
stolzen Geschichte von Stadt und Gemeinde durchaus nahelag. Ort der Ent­scheidungsschlacht
zwischen den Caesarmördern auf der einen und Marcus Antonius und Octavianus,
dem späteren Kaiser Augustus, auf der anderen Seite war die Stadt gewesen. Und
die christliche Gemeinde war die er­ste auf europäischem Boden, von Paulus
selbst gegrün­det. Das werden sie gewusst haben und stolz darauf gewesen sein.

Vielleicht sah Paulus da Gründe, zur
Demut zu mahnen. Als guter Jude, der er immer auch war, wusste er ja, was gut
für den Menschen ist (Micha 6,8): „… Gottes Wort halten und Liebe üben und
demütig sein vor deinem Gott.“

Demut, das ist mehr als wichtig, ist
in erster Linie eine Haltung Gott gegenüber. Sie ist eine Geisteshaltung, die
zum Dienen bereit ist – vor allem Gott gegenüber, und dann und danach den
Menschen. Und das freiwillig. Das ist mir deshalb so wichtig, weil das Wort
„Demut“ ja eine lange Geschichte hat. Und die ist weitgehend fatal, vor allem
für Frauen. Wie viele Jahrhunderte haben Frauen unter diesem zum weiblichen
Tugendideal stilisierten Wort gelitten, weil sie in seinem Namen gedemütigt wur­den
– was etwas ganz anderes ist, als zur Demut im Sin­ne von Micha angehalten zu
werden. Wie vielen „Trotz­köpfchen“ ist, wie in dem berüchtigten Mädchenbuch,
das Rückgrat gebrochen worden, damit sie in das weibli­che Normenraster
passten! Wie lange haben Männer sich von diesem Wort eben nicht angesprochen
gefühlt, einfach weil sie Männer waren und meinten, dass sie da­für qua
Geschlecht nicht zuständig seien! Bei der Frau­enhilfe habe ich einmal ein
liebevoll im Fundus aufbe­wahrtes Banner gesehen, Sinnspruch: „Mein Lohn ist,
dass ich darf.“ Ich bin sicher, dass kein Männerverein oder -verband je auf die
Idee gekommen ist, sich so ein Banner zu sticken. „Der Herr allein ist König,
ich eine welke Blum“ – das ist zwar von einem Mann gedichtet (Paul Gerhard),
aber glauben Sie mal ja nicht, dass sich ein Mann mehr als vielleicht der
Dichter selber das je­mals „angezogen“ hätte. Demütigung, auch und gerade wenn
sie im Namen sogenannter Demut geschieht,
ist eben nicht Demut, sondern sie bleibt, was sie ist: Erniedrigung bis
hin zur Sklavenmentalität. Damit haben Frauen viele bittere Erfahrungen
gemacht.

Genau das aber meint Paulus nicht,
wenn er die Ge­meinde in Philippi zur Demut mahnt. Erstens, ich sagte es schon,
kannte er natürlich die berühmte Stelle bei Micha. Und er wusste, dass die
Haltung jüdischer Men­schen Gott gegenüber immer die allergrößter Ehrfurcht war
und ist, niemals aber die von erniedrigten Sklaven, sondern die eines freien
Gegenübers bis hin zum Streit – siehe Hiob.

Und dann schreibt er seinen Brief ja
an die Gemeinde in Philippi. Und über diese Gemeinde lernen wir in der Apo­stelgeschichte,
dass in ihr Frauen eine herausragende Stellung einnahmen. Als Paulus und
Timotheus nach Philippi kommen, gehen sie am Schabbat hinaus an den Fluss und
setzen sich und reden „mit den Frauen, die dort zusammenkamen (Apg. 16, 13).“
In Philippi wohnt und arbeitet die reiche Purpurhändlerin Lydia, die die Seele
und Geldgeberin der von Paulus frisch gegründe­ten Gemeinde ist und auch
finanziell für Paulus und Ti­motheus einsteht.

Niemals hätte Paulus an diese
Gemeinde einen Brief ge­schrieben, der Frauen geringschätzt und erniedrigt,
schon aus Gründen der Klugheit nicht. Was immer ihn geritten hat, als er seine
merkwürdigen Sätze zur Frage des Schleiers für Frauen an die Gemeinde in
Korinth schrieb (1. Kor. 11) – für Philippi kam so etwas nicht in Frage;
vielleicht hätte man und frau ihn dort sogar schlicht ausgelacht.

Für Philippi also nicht Demütigung,
sondern Demut. Es ist fast ein bisschen, als habe Paulus vor der Zeit unser
neuhochdeutsches Wort „Demut“ gekannt. Denn – das habe ich bisher unterschlagen
– in diesem Begriff steckt ja das Wort „Mut.“ Natürlich steckt es zunächst
einmal im Sinne von „Geist“ oder „Geisteshaltung“ da drin. Wie ich eben schon
sagte: Bereitschaft zu dienen, Gott und – danach – auch den Menschen.

Ich möchte das Wort „Mut“ aber auch
gerne in dem Sin­ne verstehen, in dem wir es heute gebrauchen: als Cou­rage,
auch Tapferkeit. Denn es gehört durchaus Mut dazu, nicht „auf das Seine zu
sehen, sondern auch auf das, was (den) anderen dient“, eben: demütig zu sein.
Es gehörte damals in Philippi Mut dazu – Demut zählte im griechisch-römischen
Umfeld nicht unbedingt zu den Tugenden, sondern war ein Zeichen von
Unterwürfigkeit, sozialer Niedrigkeit und Schäbigkeit. „Lebt anders als Euer
Umfeld“, sagt Paulus also der Gemeinde in
Philip­pi, „seid mutig und unterscheidet Euch!“

Das nun finde ich hochaktuell. Gott
zu dienen, ist heut­zutage, zumindest in Europa, nicht gerade Mainstream. Nicht
aus Eigennutz handeln oder um eitler Ehre willen hat auch nicht gerade
Hochkonjunktur. Nicht auf das Seine sehen, sondern auch auf das, was den
anderen dient, steht nicht unbedingt im Fokus. America first, Bay­ern zuerst,
Ellbogen raus, das scheint mehr das Motto der Gegenwart zu sein.
Menschenverachtung statt Dienst am Menschen nenne ich das.

Und sage: So nicht. Wir nicht. Unser
Motto heißt Demut im Sinne von Paulus. Bereitschaft zum Dienst an Gott und den
Menschen. Mut, uns zu unterscheiden. Aus De­mut den genauen Blick haben für
Demütigung. Die frau­enfeindlichen Rückschläge unserer Tage nicht akzeptie­ren.
Wirklich zu gucken, was es mit der Leerformel vom Bekämpfen von Fluchtursachen
auf sich hat. Zuzuge­ben, dass wir im Westen, Europa und die USA, die Ar­mut in
den Ländern produzieren, aus denen die Men­schen zu uns zu kommen versuchen.
Unser Smartphone (auch meins!) kostet Menschenleben. Unser Export von
Hühnerabfällen und unsere Ausfuhr von billigen Kleideri­mitaten nach Afrika
zerstören die dortige Wirtschaft – un­ter tätiger Mitwirkung der dortigen
korrupten „Eliten“, das sei nicht verschwiegen. Und unsere Lebensweise und unsere
Bollwerkmentalität haben das schöne Mittelmeer zu einem Massengrab gemacht.

Gegen all das immer wieder und wieder
gegenzuhalten kostet in der Tat Mut. Mut zur Wahrheit und Mut zu die­nen. Aber
es ist uns aufgegeben, uns zu unterscheiden. Und wie sagt Paulus am Anfang
seines Briefes so schön: „… ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch
angefangen hat das gute Werk, der wird‘s auch vollenden bis an den Tag Christi
Jesu.“ In diesem Sinne: Amen.

 

Sabine Zoske