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Das Kreuz des Künstlers El Loko in der Unterbarmer Hauptkirche PDF Drucken E-Mail

 

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Es will nicht angebetet, auch nicht bestaunt oder bewundert sein als Kunstwerk, zu dem wir
aufblicken. Es will uns nicht entrücken, vergeistigen, himmlisch und metaphysisch stimmen,
sondern es will seinen geerdeten Platz haben – auf dem gleichen Grund, auf dem wir mit
unseren müden oder flinken Füßen, unseren frohen oder gebrochenen Herzen stehen. Auf
demselben Boden, auf dem wir unsere krummen oder geraden Wege gehen.

 

Für alle, die in ihr Verderben rennen, erscheint das Wort vom Kreuz als eine Torheit; für uns aber, die wir uns retten lassen, ist es eine Kraft Gottes.
Paulus, 1. Korinther 1,18 in der Übersetzung von Hans Bruns

 

Seit 2009, seit dem 1. Sonntag der Passionszeit hat das Kreuz des afrikanischen Künstlers El Loko seinen Platz in unserer Kirche. Er hat es uns als Dauerleihgabe geschenkt. Es ist ein geerdetes Kreuz, nicht abgehoben, es steht auf dem Boden – auf dem gleichen Boden, auf dem wir mit unseren Füßen stehen. Sollte es höher stehen, damit die Proportionen stimmen und es besser sichtbar ist? Nein, der Künstler will es nicht auf einen Sockel oder eine Erhebung stellen, sondern will es in seiner Bodenständigkeit und Bodenhaftung belassen. Es ist kein abgehobenes Kreuz, das uns vergeistigt, erhaben begegnen will. Es ist ein Kreuz mit uns: Auf Augenhöhe, auf Menschengröße, auf gleichem Grund, auf dem wir stehen. Nichts, wozu wir aufblicken sollen – eher ein Marter- und Totempfahl, geerdet mit uns. Dieses Kreuz will beim Kreis um den Abendmahlstisch in die Mitte genommen sein, mit uns und neben uns stehen.

 

Für mich ist das eine theologische Aussage: Dass der Glaube uns nicht aufgeht in Vergeistigungen und Erhöhungen und Jenseitigkeiten, sondern dass Gott uns irdisch, geerdet, diesseitig begegnet und erfahrbar wird. Religion als Sich-Entfernen, Fliehen, Ausweichen von dem Fleckchen Erde, auf dem wir mit Erdanziehung und Bodenhaftung stehen, ist nicht Sache des biblischen Glaubens.


Aber dass Gott dir und mir und uns – Sonntag für Sonntag und an jedem Tag unseres Lebens – da begegnen will, wo der Boden ist, auf dem wir stehen – das predigt dieses Kreuz von El Loko.

 

Glaube und Religion haben es zu tun mit Deutungen des Lebens und der Welt. Wir wollen so gerne Antworten und Gewissheiten. Auch wenn wir in den Gottesdienst gehen, möchten wir Antworten, Gewissheiten. Kann es ein Zuviel an Antworten und Gewissheiten geben? Was kann unser Glaube sehen, erkennen und haben in dieser Welt und Weltgeschichte? Es gibt eine Art von Glaube und Religion, die will eindeutige Antworten, zweifelsfreie Gewissheiten, nicht diskutierbare Wahrheiten. Schluss mit dem Vagen und Unklaren! Das ist die Versuchung zum Fundamentalismus, den es ja (auch) im christlichen Gewand immer gab und gibt. Immer geht es jedoch – nicht mehr und nicht weniger – um Zeichen und Spuren Gottes im „Noch Nicht“ und im „Vorläufigen“. Auch das Kreuz von El Loko enthält viele Spuren und Zeichen. Beim näheren Betrachten sind sie grenzgängerisch und offen.


Manches wirkt archaisch, elementar. Anderes erinnert an großstädtische Graffiti-Kunst. Angedeutete Zeichen und Spuren, über die
sich rätseln lässt – angesiedelt zwischen den Welten von damals und heute, zwischen Afrika und Europa, zwischen alter und moderner
Kultur.
Für den Künstler El Loko ist dies das Lebensthema und Leitmotiv seines künstlerischen Schaffens: Das Sich-Bewegen zwischen verschiedenen Welten und das Entschlüsseln von Zeichen und Chiffren. Noch leben wir im „Vorletzten“, wie Bonhoeffer sagt. Daran ist nichts zu ändern. Das Kreuz von El Loko erinnert uns daran, dass jeder Gottesdienst in dieser Kirche, jede Predigt, jede Taufe und jedes Abendmahl 3 uns unterwegs bleiben lässt und dem Deuten, Suchen und Entschlüsseln der Zeichen und Spuren Gottes zu dienen hat. Als Trost und als Bewegung. Fundiert in der Liebe Gottes – aber nicht fundamentalistisch.
Dieses Kreuz darf und will uns weiter beschäftigen. Es will nichts Fertiges, Erfasstes, Gesehenes sein wie es der Kunst oft ergeht, wenn sie reine Dekoration oder Illustration ist. Wir empfinden sie vielleicht als gefällig, nett, schön, stimmig, doch bewegen und weiterführen tut sie wenig. Betrachten Sie dieses Kreuz von ferne und nah, fassen Sie es an! Vorder- und Rückseite: Latten, Farbe, Sackleinen, Draht, Nägel. Roh, zusammengebündelt, unfertig. Von Paul Tillich gibt es den wunderbaren Satz: „Es gibt Gläubige wie Ungläubige, die beide auf ihre Art meinen mit Gott fertig zu sein!“ Die Ungläubigen, weil sie Gott für überholt und erledigt halten. Die Gläubigen, weil sie meinen, Gott verstanden zu haben und keine Irritationen, Öffnungen und Weiterführungen mehr an sich `ran lassen. Ich mag dieses Kreuz, weil es uns in jedem Gottesdienst zeigen will, dass Gott mit uns noch nicht fertig ist und wir nicht mit ihm. Nicht-Gewöhnung ist gut. Ein bleibendes Mir-Entgegentreten ist gut. Ein Michfragend- Halten ist gut. So begegnet uns der biblisch bezeugte Gott.
Thomas Corzilius
 
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